Wir sind heute permanent online. Das „Internet der Personen“, wie Digitalisierungsexperten es nennen, ist aber bereits ein alter Hut. Neuerdings erwecken wir Gegenstände zum Leben und verändern damit auch die Arbeitswelt.

Kühlschränke, Kleidungsstücke, Autos – jeder denkbare Alltagsgegenstand ist heutzutage „connected“, also mit dem Internet verbunden. Das Ergebnis ist eine völlig neue Servicewelt, die uns hilft, unseren Alltag effektiver, sicherer oder unterhaltsamer zu gestalten.

Der Schritt in das Internet of Things eröffnet neue Möglichkeiten für Unternehmen, sorgt aber auch für viel Unsicherheit. Geschäftsführer müssen umdenken und investieren, wenn sie konkurrenzfähig bleiben wollen. Angestellte fürchten, bald von Computern ersetzt zu werden. Und der Endverbraucher? Der ist angesichts der neuen Konsumwelt dezent verwirrt.

Industrie 4.0 – Was ist das?

Die momentan stattfindende Revolution ist ein Wandel, wie er nur alle paar hundert Jahre stattfindet. Nach Einführung der Dampfmaschine (Industrie 1.0), Fließbandarbeit und Massenproduktion (Industrie 2.0) und den ersten Computern und Robotern (Industrie 3.0) bewegt nun das Internet der Dinge in die Industrie. Deshalb nennen wir die neue digitale Revolution „Industrie 4.0“. Im Englischen sagen wir Industrial Internet of Things oder kurz IIOT.

Industrie 4.0 Von der fahrenden Dampfmaschine zum völlig autonomen Roboter. Am Beispiel des Automobils wird die industrielle Revolution am besten sichtbar.

Was auffällt, ist das rasende Tempo dieser vierten Entwicklungsstufe. Der Grund findet sich in einem Zusammentreffen mehrerer Innovationswellen, die einen regelrechten Technologie-Tsunami ausgelöst haben.

Drei Ströme: Big Data, Sensoren und Rechenleistung

Einer der drei Ströme ist die Entwicklung der Rechenkapazität. Alle 18 Monate verdoppelt sie sich – so wird in IT-Kreisen das Mooresche Gesetz des Intel-Mitgründers Gordon Moore ausgelegt. Experten streiten sich jedoch über die korrekte Auslegung der Formel und sehen mit herkömmlichen Computern bald die Grenze des Möglichen erreicht.

Der zweite Strom: Sensoren. Wir bewegen uns in der Entwicklung von Sensoren bereits im organischen, zellulären, molekularen Bereich. Auch Nanosensoren kommen bereits zum Einsatz.

Innovationsstrom Nummer drei ist Big Data. Wir haben unseren Alltagsgegenständen Augen, Ohren und Empfindungen verpasst – jetzt wollen sie auch mit uns sprechen. Was vernetzte Gegenstände von sich geben, sind aber zunächst einmal dumme Rohdaten, die aufwendig gespeichert, geordnet und interpretiert werden müssen.

Autos organisieren ganz allein ihre Reparatur, Betankung und Verschrottung

Ein anschauliches Beispiel für die Nutzung der gesammelten Daten ist die so genannte „Predictive Maintenance“. Maschinen, Fahrstühle oder Autos werden dank Big Data transparenter, günstiger und sicherer – es können nämlich Verschleiß, damit verbundene Risiken und anstehende Reparaturkosten vorausgesagt werden. Feste jährliche Prüftermine werden abgelöst durch flexible, treffsichere Systeme.

Dank der Vernetzung weiß zum Beispiel in Zukunft auch ein Lieferant bzw. eine Werkstatt, wann ein bestimmter Kunde wieder beliefert oder betreut werden muss. Das optimale Szenario: Ein Automobil organisiert ganz allein seine Produktion, Wartung, Reparatur, Betankung und Verschrottung.

Mithilfe von Big Data sind Unternehmen also in der Lage, bessere operative oder strategische Entscheidungen zu treffen. Auch die Verkehrssicherheit – beispielsweise im Bereich Smart City – kann mit den neuen Algorithmen enorm erhöht werden. Selbstorganisation und Automatisierung mit künstlicher Intelligenz werden dabei helfen, die hochkomplexen Abläufe im Griff zu behalten.

Auswirkungen auf die Arbeitswelt

Wo eine industrielle Revolution ist, da ist auch die Angst der Menschen um ihren Arbeitsplatz. Die gute Nachricht: Jede der bisherigen industriellen Revolutionen hat mehr Arbeitsplätze geschaffen als sie vernichtet hat.

Es wird immer genügend Probleme geben, die nicht von Maschinen gelöst werden können. So werden das Know-how und auch die Intuition der Menschen weiterhin auf allen Gebieten gebraucht werden. Außerdem werden Firmen im Datenmanagement, im Umgang mit Kunden und in der Entwicklung wesentlich mehr Unterstützung von ihren Mitarbeitern brauchen.

Die hohe Qualität und die enorme Produktivität der Industrie 4.0 wird also Arbeitsplätze schaffen und solche erhalten, die sonst womöglich ins Ausland verlegt worden wären – oder sie bestenfalls sogar aus dem Ausland zurückholen.

Es leuchtet ein, dass monotone, einfacher Arbeit bald nicht mehr von menschlicher Hand erledigt werden wird. Die Voraussetzung für die Erhaltung des Arbeitsplatzes eines „einfachen“ Fließbandarbeiters: Die Menschen müssen lernen, mit Computern, Daten und Programmen umzugehen.

Dies erfordert lebenslanges Lernen. Da schon jetzt die Innovationszyklen wesentlich kürzer sind als herkömmliche Ausbildungszyklen, werden sich auch die Ausbildungssysteme radikal ändern müssen.

Elon Musk als Vorreiter neuer Ausbildungssysteme

Praxisorientierte und kreative Problemlösung sind hier die Stichworte. Einer der Vorreiter auf dem Weg zu zeitgemäßen Ausbildungsansätzen könnte ein alter Bekannter von uns sein: Elon Musk.

Weil der Tesla-Chef mit der Schule seiner fünf Söhne nicht zufrieden war, gründete er 2014 kurzerhand eine eigene. Mittlerweile werden 50 Schüler auf der „Ad Astra“ (Zu den Sternen) genannten Privatschule außerhalb des SpaceX-Hauptquartiers unterrichtet. Auf dem Lehrplan: Mathematik, Naturwissenschaften, Ingenieurwesen und Ethik. Unterhaltungen und Rollenspiele erlauben es den Kindern, die Welt auf eine kritische Art zu betrachten, Noten gibt es nicht.

Wie Unternehmen die Industrie 4.0 rocken

Den Schritt in die Digitalisierung zu gehen, ist für viele Firmenbetreiber eine enorm große Hürde. Die Höhe der notwendigen Investitionen in Hardware und Software wirkt im Hinblick auf die nur grob kalkulierbaren Gewinne zunächst abschreckend. Auch will der Mittelständler oft keine Daten in die „Cloud“ stellen – zu groß ist die Angst vor Industriespionage.

Die Folgen dieser Zurückhaltung sind in der Weltwirtschaft bereits sichtbar: IT-Firmen wie Google bauen autonom fahrende Elektroautos, während Traditionsunternehmen wie Kodak wegen fehlender digitaler Kompetenzen Insolvenz anmelden müssen.

Auch in der deutschen Automobilindustrie wurden jahrelang Fehler begangen – es wurde an Traditionen festgehalten, die Entscheidungs- und Entwicklungsprozesse waren starr und langwierig.

Das hat sich in den letzten Jahren stark geändert. Heutzutage liefern sich auch die klassischen Automobilhersteller mit Google und Amazon ein hartes Rennen um die vordersten Plätze in den Bereichen „Connected Car“ und Autonomes Fahren. Der WDR zeigt, wie Digitalisierung auch in kleinen und mittelgroßen Betrieben richtig gut funktionieren kann:

https://www1.wdr.de/mediathek/video-industrie--ist-deutschland-schon-abgehaengt-100.html

Dabei müssen es nicht immer große Investments in Maschinentechnik und Software sein. Immer mehr Firmen nehmen die Abkürzung über die Zusammenarbeit mit spezialisierten IoT-Startups, die entsprechende Expertenteams, flexible Cloudlösungen und sogar die Hardware bereits integrationsfertig anliefern. Auch das macht die Industrie 4.0 möglich: vom ländlichen Mittelständler zum globalen Player in nur wenigen Wochen.

Fazit: Es ist noch ein langer Weg

Um Unternehmen die Angst vor der Digitalisierung zu nehmen, müssen die Anbieter digitaler Lösungen vor allem transparent arbeiten. Welche Daten werden gesammelt? Was passiert mit diesen Daten? Wie schütze ich sie vor dem Verlust oder dem Zugriff Dritter?

Ebenso muss eine Regierung Unternehmen bei dem Schritt in die Industrie 4.0 unterstützen und zusätzlich für geprüfte Sicherheit sorgen: Zeitgemäße Verschlüsselung muss gesetzlich verankert werden, um sowohl Firmen als auch Endverbraucher vor der digitalen Katastrophe zu schützen.

Im Bildungssektor ist ein sofortiges Umdenken erforderlich: Wie zeitgemäß sind unsere Studiengänge und Berufsausbildungen noch? Der Umgang mit intelligenter Technologie und kreative, praxisorientierte Problemlösungen mit ganzheitlichen Ansätzen dürfen nicht länger Privatsache bleiben.

Um im internationalen Wettbewerb auf einem der vorderen Plätze zu bleiben, muss Deutschland in Fachkräfte und Daten investieren. Sonst könnte es passieren, dass der Technologie-Vorreiter Deutschland bald nur noch als Zulieferer agiert.




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By ChristophRoser. Please credit "Christoph Roser at AllAboutLean.com". [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons
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By Grendelkhan [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons
Bundesarchiv, B 145 Bild-F003562-0006 / Unterberg, Rolf / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
Patentmotorwagen
mit_Benz See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons
By National Institute of Standards and Technology (Quantum Computing; Ion Trapping) [Public domain], via Wikimedia Commons