Die Automobilindustrie steht vor ihrer größten Veränderung seit Erfindung des Autos. Durch die immer schnellere Vernetzung werden die Regeln neu definiert. Nicht nur für Hersteller, sondern auch für den ganz normalen Autofahrer.

Weniger Unfälle, stressfreies Autofahren und ökologischer Fortschritt sind nur drei der Gründe, sich für das vernetzte Fahren zu entscheiden. Doch der Trend ruft auch Verbände und Berater auf den Plan, die die Entwicklungen kritisch beleuchten und transparenter machen wollen.

Wolfgang Gründinger ist Zukunftslobbyist und Referent für Digitale Transformation beim Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW). Als Zuständiger für Connected Cars gestaltet er unsere digitale Zukunft aus der ersten Reihe mit. Mit der PACE Redaktion spricht er über seine schmerzhaften Erfahrungen mit Tesla, die Neuerfindung des öffentlichen Nahverkehrs und mögliche Gefahren aus dem Ausland.

Herr Gründinger, wie entstand Ihre Beziehung zum Thema Connected Cars?

Ich komme aus der Energiewende-Bewegung und habe mit 18 Jahren in meinem ersten Buch über Elektromotoren und Carsharing geschrieben. Das war damals alles Zukunftsmusik. Erst seit kurzem wurde diese Utopie marktfähig – durch die Digitalisierung. Das hatte damals niemand vorhergesehen.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für den Endverbraucher?

Wenn der Endverbraucher vor großen Herausforderungen steht, dann macht die Industrie etwas falsch. Vernetzte Mobilität, wie Carsharing, automatisiertes Fahren, intelligente Parkplatzsuche und so weiter, soll das Leben ja einfacher machen und nicht komplizierter.

Fahren Sie selbst Auto? Wenn ja, wie klug ist Ihr Auto?

Ich lebe in Berlin und fahre daher Rad, und zwar zu jeder Jahreszeit. Ich verpenne es immer wieder, mich bei Car2go oder DriveNow anzumelden. Für mich reichte die mytaxi-App immer aus. Oder UBER, als es das in Berlin noch gab. Hier haben die Gerichte ja einen Großteil des Angebots verbannt. Totalverbote sind leider selten eine kluge Regulierung.

„90% der Unfallopfer sind heutzutage menschlichem Versagen geschuldet. Daher wird es mit automatisiertem Fahren weniger Unfallopfer geben.“


Haben Sie ein Lieblingsauto?

Eigentlich nicht. Für mich ist das Auto eher funktional, um von A nach B zu kommen. Aber ein BMWi8 ist ein richtiges Designwunder, leider nur mit symbolischer Batterie und mit konventionellem fossilem Antrieb. Auch der Tesla ist natürlich ein großartiges Fahrzeug, schon wegen dem großen Touchscreen. Wobei beim Tesla X die Türen keine Sensoren haben und man das Ding auf den Kopf bekommt, wenn man versehentlich drunter steht. Die Türen klappen da ja nach oben auf anstatt zur Seite. Das ist mir schon mal passiert und war wirklich schmerzhaft. Ansonsten aber ein tolles Gefährt, für das ich die emotionale Bewunderung nachvollziehen kann. Die deutschen Autobauer haben aber auch genug in der Schublade. Ich bin gespannt, was da in den nächsten Jahren auf uns zukommt.

Wenn Sie die Mobilität der Zukunft ganz allein gestalten könnten - wie würde die Welt aussehen?

Dann würde ich Beamen erfinden. Der steigende Flugverkehr beispielsweise ist ja ökologisch eine Sackgasse. Ansonsten dürfen wir uns nicht der Illusion hingeben, mit dem automatisiertem oder voll autonomen Auto seien in Zukunft alle Stau-, Parkplatz- und Unfallprobleme von selbst gelöst. Der Individualverkehr muss eingebettet werden in eine Gesamtstrategie, in der auch der ÖPNV neu erfunden wird. Unternehmen wie Ally in Berlin gehen hier ganz neue Wege und nutzen die Digitalisierung, um den ÖPNV anhand von Big-Data-Analysen auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen anzupassen und damit den Busfahrer quasi zum Chauffeur zu machen.

Würden Sie sich zum jetzigen Zeitpunkt in ein autonom fahrendes Auto setzen und damit vertrauensvoll über die Autobahn fahren?

Sobald ich die Chance habe, lasse ich mich gern von BMW über die Teststrecke A9 kutschieren. Ich bin mit dem Tesla-Autopiloten mal durch München gefahren, da fährt man schon mal mitten in eine Baustelle rein, wenn man nicht aufpasst. Gerade im trubeligen Stadtverkehr stößt das System noch an seine Grenzen. Aber es ist unglaublich, was die Technologie in den letzten Jahren alles bereits geschafft hat.


Was ist momentan die größte Sorge des BVDW in Bezug auf das Thema Connected Cars?

Es besteht die Gefahr, dass Konkurrenten aus dem Ausland die deutschen Automobilhersteller abhängen – dann würden wir vielleicht noch die Hardware zuliefern, während die Software woanders entsteht und auch die Gewinne dorthin abfließen. Für die deutsche Wirtschaft wäre das ein Debakel. Aber wir holen schnell auf und können durchaus mithalten. Die industrielle Kompetenz haben wir ja; fehlt nur noch, dass wir auch die digitale Kompetenz stärken. Die rechtlichen Voraussetzungen hat die Politik mit der neuesten Novelle des Straßenverkehrsgesetzes geschaffen. Seither ist das Loslassen des Lenkrads erlaubt, wenn das System übernimmt. Das Gesetz ist eines der fortschrittlichsten der ganzen Welt. Sehr unüblich für die deutsche Politik, die doch sonst oft sehr risikoavers und digitalfeindlich ist.

Und mit welchen Sorgen werden Sie von außen konfrontiert?

Oft heißt es, die Haftung dürfe nicht auf den Fahrer abgewälzt werden, wenn das autonome Auto einen Unfall baut. Oder es gibt Bedenken um Datenschutz und IT-Sicherheit. Das sind berechtigte Nachfragen, die man adressieren muss.

Wie hoch ist Ihrer Meinung nach das Vertrauen in Connected Cars in Bezug auf Sicherheit, Datensicherheit?

Vermutlich nicht sehr hoch. Hier hat die Wirtschaft die Verantwortung, für die Sicherheit der Technologie ebenso Sorge zu tragen wie für die Sicherheit der Daten vor unbefugten Zugriffen.

Wird es bald ganz neue Gesetze zur IT- und Datensicherheit für Autos geben?

Es wird sicherlich auch bestimme gesetzliche Regeln geben müssen. Aber: Die Branche muss schon aus Eigeninteresse ihre Produkte sicher machen, sonst werden sie erstens nicht genehmigt, und zweitens würde sie riesige Haftungsrisiken und Imageschäden auf sich nehmen. Ganz zu schweigen davon, dass im Straßenverkehr Menschenleben auf dem Spiel stehen. Aber rund 90% der Unfallopfer sind heutzutage menschlichem Versagen geschuldet. Daher wird es mit automatisiertem Fahren weniger Unfallopfer geben.

Wolfgang Gründiger fährt mit dem Auto durch die WüsteWolfgang Gründinger ist Referent für das Internet der Dinge beim Bundesverband Digitale Wirtschaft. Obwohl er selbst meistens Fahrrad fährt, ist er dort für den Bereich Connected Cars zuständig. Er hat bereits sieben Bücher geschrieben.




Bildquellen: (C) David Ausserhofer